Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam

Mit der Erklärung der Menschenrechte hat der Westen den kühnen Versuch unternommen, absolute Standards des Guten über den eigenen Kulturkreis hinaus zu setzen. Immerhin ist die Deklaration von Würde, Freiheit, Gleichheit und Lebensrecht des Einzelnen der seit Menschengedenken fundierteste Vorstoß in dieser Richtung, da er sich ohne Ansehen der Ideologie ganz auf das Individuum und dessen unveräußerlichen Rechte beschränkt. Für das westliche Denken ist es unverständlich, weshalb nicht einfach alle Menschen auf der Welt sich an dieser Richtschnur orientieren, um auf ewig und immer in Freiheit und Freuden zu leben.

Diese Hybris werden wir zu Grabe tragen müssen. Wenn der Kulturkampf, der uns bevorsteht, eines Tages Geschichte sein wird, werden die verbliebenen Träger westlicher Restkultur diese Standards längst vergessen haben, da sie damit beschäftigt sein werden, Koransuren zu rezitieren und den korrekten Sitz der Schleier ihrer Töchter zu kontrollieren. Die Keime des Aufbegehrens westlicher Kräfte gegen die langsame, beständige Islamisierung sind allzu zart. Sie sprießen so zaghaft, weil wir eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns und der islamischen Welt unterstellen, dass trotz aller kulturellen Unterschiede die vom Westen deklarierten Menschenrechte die oberste Instanz darstellen. Wir unterstellen dies, wenn wir in fremde Kriege eingreifen. Wir unterstellen dies auch durch unsere perverse Auslegung des eigentlich als Individualrecht zu begreifenden Asylrechts, mit dessen Hilfe wir erreichen wollen, dass alle Menschen, die auf dem Weg zu uns nicht im Mittelmeer ertrinken, mit dem Grenzübertritt in den Genuss der ihnen vom Westen aus zugeschriebenen Rechte kommen. Rechte, die in ihren Heimatländern in dieser Form unbekannt sind.

Wir sind nicht das Maß aller Dinge

Wir unterstellten die Allgemeingültigkeit unserer kulturellen Vorstellungen auch mit unserer blauäugigen Unterstützung des Arabischen Frühlings: War der Gedanke, dass eine Handvoll arabischsprachiger, freiheitlich denkender Blogger die wahre (= mehrheitsfähige) Stimme ihrer Völker darstellen könnten, nicht verlockend, ja, fast zu schön, um wahr zu sein? Würden demokratische Wahlen nicht genügen, um sämtlichen Blutregimen den Garaus zu machen und gemäßigte Kräfte an die Regierung zu bringen, die alle archaischen Grausamkeiten beenden würden? Das Gegenteil war der Fall: Der Sturz von immerhin ansatzweise säkular denkenden Diktatoren wie Saddam Hussein oder Muammar al Gaddafi war keineswegs ein Tor in die Freiheit, sondern ebnete Islamisten den Weg zur Macht, gegen deren ideologische Verbohrtheit sich die Vorgenannten heute wie kleine Kinder ausnehmen.

Wir müssen es klar benennen: Dieser Irrtum entstand, weil unsere Vorstellung von der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in der islamischen Welt nicht lebensfähig ist. Sie widerspricht den Vorschriften des Korans und der Scharia und damit unmittelbar den angeblichen Wünschen der obersten Instanz: dem Phantom Allah. Da die wirtschaftliche Überlegenheit des Westens viele Menschen im arabischen und asiatischen Raum aber dazu bringt, einen pragmatischen Anschluss an unsere Rechtsvorstellungen zu suchen, kam es schon im Jahre 1990 zur Proklamation eines in unseren Augen bizarren Gegenentwurfs der Organisation für islamische Zusammenarbeit, einer internationalen Vereinigung von 56 islamisch geprägten Staaten. In der »Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam«, welche sich in ihrer äußeren Form an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen orientiert, heißt es unter anderem im vorletzten Artikel (Art. 24):

»Alle in dieser Erklärung aufgestellten Rechte und Freiheiten unterliegen der islamischen Scharia.«

Und, Art. 25:

»Die islamische Scharia ist der einzige Bezugspunkt für die Erklärung oder Erläuterung eines jeden Artikels in dieser Erklärung.«

Dieser Hinweis, der alle säkularen Bestandteile dieser Erklärung zur Makulatur macht, taucht in zahlreichen Varianten in dem Schriftstück auf:

  • Artikel 1 erklärt alle Menschen zu einer Familie, deren Mitglieder durch die Unterwerfung unter Gott miteinander verbunden seien. Alle Menschen seien in diesem Sinne Gottes Untertanen.
  • Laut Art. 2 ist es verboten, Leben zu nehmen, es sei denn, aus einem von der Scharia vorgeschriebenen Grund. Dasselbe gilt für die Körperverletzung.
  • Art. 7 gewährt Eltern das Recht, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden, vorausgesetzt, diese steht im Einklang mit den Werten der Scharia.
  • Art. 9 legt fest, der Staat habe die Vielfalt der Bildung zu garantieren, damit der Mensch sich zum Wohle der Menschheit mit den Regeln des Islam vertraut machen könne.
  • Art. 10 bestimmt, der Islam sei »die Religion der unverdorbenen Natur«. Es dürfe deshalb die Armut und Unwissenheit eines Menschen nicht ausgenutzt werden, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus bekehren.
  • Auch frei bewegen dürfe sich der Mensch nach Art. 12 nur, so lange diese Bewegungsfreiheit im Einklang mit der Scharia ausgeübt werde. Verfolgten sei Asyl zu gewähren, sofern der Asylgrund nicht von der Scharia als Straftat definiert sei.
  • Die Früchte seiner Arbeit dürfe, so Art. 16, jeder genießen, dessen Tätigkeit nicht gegen die Regeln der Scharia verstoße.
  • Und Art. 19 postuliert, es könne nur die in der Scharia erwähnten Verbrechen und Strafen geben.

Solch fundamentalistischer Wein mag manchen im Westen besoffen gemacht haben, da er in neuen Schläuchen daherkam und sich formale Parallelen zu den vertrauten Formen und Inhalten der allgemeinen Menschenrechte zeigten. Vielleicht aber haben die Verfasser des Schriftstücks auch nur sehr genau erfasst, dass im Westen, weil Zeit gleich Geld, jeweils nur die Überschriften gelesen werden. Wer sich die Zeit nimmt, auch den Rest auf sich wirken zu lassen, stellt unschwer fest, dass die dauerhafte Unvereinbarkeit beider Kulturen damit schriftlich zementiert wurde. Schon das großmundig gewährte Recht auf Leben wird sofort durch die Scharia relativiert, welcher bekanntlich bereits Ehebruch oder ein Abfall vom islamischen Glauben für das Aussprechen der Todesstrafe genügen.

Der Islam ist mit dem Westen nicht kompatibel!

Es ist leicht vorstellbar, dass ein in derartigem Umfeld sozialisierter Mensch mit unserer westlichen Idee der absoluten Menschenrechte nicht nur nichts anfangen kann, nein: Sie muss ihm vorkommen wie ein direkter, menschengemachter Verstoß gegen die Regeln seiner höchsten Instanz, Allah. Ist er deshalb »böse«, wenn er sich dem verweigert und auf der Steinigung seiner untreuen Ehefrau besteht? Definitiv nein: Denn er tut nichts weiter, als den Ideen zu folgen, die man ihm als das erstrebenswerteste Lebenskonzept beigebracht hat. Vielmehr hält er den Westen für »böse«, der die Erfüllung von Allahs angeblichem Willen verhindern will. Wer hat Recht? Ganz klar: Beide Auffassungen sind in diesem Sinne »richtig«! Da die Erkenntnisfähigkeit des einzelnen Menschen begrenzt ist, kann er sich jeweils nur an das halten, was in seiner ihn prägenden Kultur gefordert wird, wenn er nicht zu den Wenigen gehört, die sich selbst das oberste Gesetz sind. Veränderungen sind erst möglich, wenn aus der islamischen Kultur heraus maßgebliche Kräfte erwachsen, die auf eine Revolution gegen die Machtansprüche der Religion drängen.

Damit ist das Stichwort geboren: aus der islamischen Kultur heraus! Veränderungen können nicht von außen kommen, da sie als ein fremdes, oktroyiertes Konstrukt der kulturellen Prägung ins Gesicht schlagen. Alle Integrationsfetischisten mögen sich deshalb hinter die Ohren schreiben, dass sie ihre Kraft vergeuden. Und wenn die Behandlung muslimischer Frauen in ihren Heimatländern uns tausendfach sauer aufstößt: Als Außenstehende können wir sie nicht ändern, denn man würde unser Anliegen gar nicht verstehen. Vergessen wir also die Überheblichkeit des Westens, mit der wir meinen, als starke, freiheitliche Gesellschaft den ideologischen Ballast der ganzen Welt auf unsere Schultern nehmen zu können, ohne dass unser eigenes Leben sich massiv zu unserem Nachteil verändern würde. Denn der Islam hat im Gegenteil längst damit begonnen, unser Gemeinwesen umzubauen. Es ganz langsam auszuhöhlen, und zwar von innen heraus.