Fridays for Future – Die Revolution der Strebersäue

Ein Kommentar von Ursula Prem

Die Opposition der Jugend gegen ihre Elterngeneration war schon immer eine treibende Kraft der Menschheitsgeschichte. Sind Erzeuger, Lehrer und andere früher Geborene maximal von einer Aktion schockiert, bringt sie innerhalb der Peergroup Ehre und Ansehen für den jungen Outlaw. Hingegen wird als Strebersau verachtet, wer die alten Vorgaben klaglos einhält oder sogar übererfüllt. Wer kennt die jungen Altklugen nicht aus seiner eigenen Schulzeit, die ihre Hausaufgaben als anscheinende Kollaborateure der Lehrerschaft immer etwas besser und formgetreuer anfertigen als ihre Mitschüler? Dass die Strebersäue trotzdem noch genügend Zeit für eine große Zahl an Fleißaufgaben finden und bei der Organisation des Adventsbasars – zu Gunsten »notleidender Menschen, denen es schlechter geht als uns« – als treibende Kraft aufzutreten, ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich. Im völligen Gegensatz zu aufgrund besonderer Begabung überdurchschnittlichen Schülern würden Strebersäue niemals einer Anweisung widersprechen oder einfach ihr eigenes Ding durchziehen: Der Drang nach weitest möglicher Übererfüllung des Plansolls bei maximaler Konformität ist ihnen einfach angeboren.

Tatsächlich scheinen die Streber heute in der Überzahl zu sein. Als notorisch »besser« veranlagte Zeitgenossen maßregeln sie ihre Mitschüler für nicht gemachte Hausaufgaben, erklären ihnen, dass sie endlich »vernümpftig« werden müssten, weil das Verhalten der Störrischen schließlich auf die ganze Klasse zurückfalle und melden sie beim Lehrer. Sodann greifen sie zum rosé-goldenen iPhone und rufen ihre Mütter an, auf dass diese die kleinen Eiferer zur Fridays-for-Future-Demo fahren mögen: »Und könnten wir die Jaqueline-Chantal auch mitnehmen? Du weißt, Mama, Jackies Eltern können sich kein Auto leisten, denen geht es nicht so gut wie uns …« – Begeistert von der hoch entwickelten Sozialkompetenz ihres Kindes lässt Mama alles stehen und liegen und bringt nicht nur Tochter nebst Freundin zur Demo, sondern schließt sich den »verständlichen Forderungen unserer Jugend« gleich selbst mit an: »Ich bin so wütend, ich hab sogar ein Schild dabei!«, ist auf Mamas rasch improvisierten Banner zu lesen. Etwas Besseres ist ihr auf die Schnelle nicht eingefallen, doch als Ausweis der Zugehörigkeit wird es genügen, damit die Jugend im Weltverbesserungseifer ihren diskret in der Seitenstraße geparkten SUV (»soo peinlich, Mama!«) gnädig übersehen möge.

Auf der Demo treffen Schüler und Eltern mit den Lehrern zusammen, deren angegrautes Revoluzzertum inzwischen in der diebischen Freude besteht, die einst erträumte Weltrevolution zu einem wöchentlichen Umweltprojekttag nebst Vor- und Nachbereitung auf die überschaubare Größe einiger Arbeitsblätter eingedampft zu haben. Verkrachte Alt-Revolutionäre mit der Macht zur Anordnung von Schulveranstaltungen, Hand in Hand marschierend mit jugendlichen Eiferern, für deren überhebliche Mentalität sie früher nur Verachtung gehabt hätten: Fridays for Future, die Revolution der Strebersäue, ist wohl eine der seltsamsten Sumpfblüten des Mainstreams.